Saturday, 14 November 2015

Paris - die Beleidigten wehren sich mal wieder

In Deutschland schreiben sich die Pastorinnen schon mal warm. Denn in Kürze werden uns die Margot Käßmanns und Katrin Göring-Eckarts die Anschläge in Paris genau erklären. Wir werden lernen, dass auch diese Morde nichts, aber auch gar nichts mit dem Islam zu tun haben.

Nein, irregeleitete, hungernde junge Männer, die sich mit ärmlichen Smartphones vernetzten und oft nur mit einem einzigen Sprengstoffgürtel bekleidet waren, haben aus Verzweiflung mindestens 127 Menschen ermordet. Aber warum? Weil sie unsere Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen. Denn wir haben den Wind gesät.

Diese armen Unterdrückten haben Schutz bei uns gesucht. Aber nicht nur einfachen unchristlichen Schutz, sondern ein schönes Eigenheim, ein Auto, unseren Wohlstand eben, den wir nur genießen können, weil so viele Milliarden Menschen von uns mit billigen Smartphones abgespeist werden.

Es ist unsere Unchristlichkeit, die Menschen zu diesen Verzweiflungstaten treiben. Natürlich tun uns die Opfer auch leid, aber diese Opfer stehen für unsere Unmenschlichkeit, die uns nicht leid tun muss.
Deshalb müssen wir Christen nicht nur öfter in die Kirche gehen, nein, wir müssen unsere Ungerechtigkeit ablegen, wir müssen noch viel mehr verzweifelte junge Schutzsuchende mit Smartphones zu uns bitten. Sie werden uns bereichern und uns ganz bestimmt auf den christlichen Pfad zurückführen.

Liebe Pastorinnen, ich habe Ihnen die Einleitung geliefert. Schreiben Sie einfach weiter. Ich erwarte mindestens einen 3-Spalter in FAZ, Zeit und Spiegel.


Nota bene: Tilman Tarach ist ein intelligenter und zorniger junger Mann, der sich kein X für ein U vormachen lässt. Er gebraucht Sprache zur Beschreibung von Sachverhalten, zur Klarstellung, missbraucht sie nicht zu Ritualen der Verschleierung und Schönsprechung. In seinem scharfzüngigen und kenntnisreichen Buch "Der ewige Sündenbock" schreibt er: "Der Islam ist eine antisemitische, eliminatorische Gewaltideologie." Seine Definition wird immer wieder bestätigt. Die frappante Ähnlichkeit dieser Ideologie mit der des Nationalsozialismus ist keineswegs zufällig.


Sigmar Gabriel gibt zu bedenken:
"Ein Freiheitsstaat ist immer verwundbar."

Echt jetzt? Da hat er recht, der Gabriel. Da können wir jeden Tag in Fafners Blut baden, es bleibt eine verwundbare Stelle. Da passt genau eine Bombe rein. Sigmar, was meinst du, warum tragen Autofahrer einen Sicherheitsgurt? Weil sie dann unverwundbar sind? Oder damit die schwersten Unfallfolgen möglichst vermieden werden? Mhm? Und jetzt leck die Stiefelchen deiner Kanzlerin und halt bloß die Grenzen offen. Für alle und jeden.

In Deutschland passiert sowas nicht

Seltsam, oder? Für die deutschen Pazifanten gibt es eine einfache Erklärung dafür: Deutschland liefert zwar Waffen (nicht schön) und Geld (schön), aber mischt sich nirgends ein und lässt den IS ganz lieb in Ruhe. Außerdem lädt es die ganze arabische Welt zu Bärchen und Blumen ein. Das zahlt sich halt aus. Hirnbesitzer sehen das anders: irgendwo müssen die Mörder schließlich in Ruhe wohnen und planen können. Dann in Ruhe den Kombi mit Waffen beladen und auf nach Frankreich, oder Spanien, oder, oder. Mit anderen Worten: Deutschland wird noch gebraucht, deshalb lässt man es noch heile. Wer beschmutzt schon sein warmes Nest? Möglicher Weise wird das auch den islam-geschädigten Nachbarn auffallen. Die werden dann auf das Kondolenz-Geschwurbel deutscher Willkommenskasper pfeifen und eher ihre Geheimdienste mobilisieren, um den deutschen Toleranz-Trotteln auf die Finger zu sehen.

Friday, 13 November 2015

Je suis Lawine

In einer Gesinnungsdiktatur will jedes Wort sehr gut überlegt sein. Devote Hofschranzen und konditionierte HofberichterstatterInnen lauern Tag und Nacht Gesinnungsverbrechern auf, denen ein kleiner Lapsus widerfährt. Wenn das geschieht, wird sofort die Mobilmachung befohlen, und die Zeilenhonorartoren der Königin hauen in die Tasten.

Jetzt erwischte es Schäuble. Er metaphorisierte den Strom ungeregelter Einwanderung als "Lawine" und provozierte damit merkelgerechte Donnerworte, die sich geradezu lawinenartig vom "Spiegel" bis in die "Zeit" ausbreiteten. Zu einer semantischen Analyse des Bildes "Lawine" blieb keine Zeit, denn die Gesinnungsrichtung musste sofort korrigiert, der entgleiste Renegat zurück in die Spur gebracht werden.

Der Spiegel titelte seinen Empörungsartikel mit "Die Entgleisung", Maas nannte Schäuble einen "Brandstifter". Auch hier bedient man sich Metaphern, aber diese ausgelutschten Metaphern sind gute Metaphern. Eigentlich könnte Schäuble Strafanzeige erstatten, denn Brandstiftung ist ein Delikt, und wer ihn als Brandstifter bezeichnet, begeht die Straftat der Verleumdung.

Der Vorwurf der "Entgleisung" verrät unfreiwillig, worum es in Deutschland inzwischen geht. Züge entgleisen, und die fahren auf vorher genau festgelegten Schienen. Ein Zugführer kann die Richtung nicht ändern, er hat nicht die Freiheit des Autofahrers, eine Abzweigung zu nehmen, in eine andere Richtung zu fahren, oder einfach zu parken, wenn er möchte. Die Schienen bestimmen, wo's lang geht.

Schäuble ist kein Philologe, aber wahrscheinlich hätte er das Bild der Lawine nicht benutzt, wenn die Einwanderung mit rechten Dingen, also gesetzeskonform vonstatten ginge. Das tut sie aber nicht. Merkel brach alle Gesetze, die ihre grandiose Flüchtlings-Selfie-Idylle behindern könnten. Damit trat sie, genau, eine Lawine los, die, im Gegensatz zu einer kontrollierten Sprengung, eben nicht kontrollierbar ist. Aber das ist dem FdJ-Landei aus der Uckermark ganz egal. Merkel genießt ihren pathologischen Ego-Trip, ihr scheinbar hohes Ansehen in der arabischen Welt, die sich über die naive Dhimmi aus Alemania kaputtlacht.
Herr Schäuble hat ein richtiges Bild gewählt. Es ist eine Lawine, die an Masse zunimmt und dank einer inkompetenten Kanzlerin unkontrollierbar geworden ist. Je suis Lawine.  


Aufgespießt:
In einem Interview mit "Die Welt" sagt Allensbach-Chefin Renate Köcher: "Als das (das Merkel'sche "wir schaffen das") gesagt wurde, ging man noch von deutlich anderen Zahlen aus."

Hallo? Welche anderen Zahlen? Merkel lädt die ganze Welt ("es gibt keine Obergrenze") ein, und es gab "andere Zahlen", von denen man ausging? Meint Frau Köcher die Erdbevölkerung? Oder kommen da  noch Außerirdische dazu, die auch mit Merkel zusammen ins Handy grinsen wollen?
Liebe Frau Köcher,  man konnte nicht von anderen, sondern von überhaupt keinen Zahlen ausgehen. Keine Obergrenze. Schon vergessen?  

Thursday, 12 November 2015

Echt, ehrlich und erfolglos
Eine Glosse

Ich erinnere mich: Anfang der 70er Jahre, Flower Power, Vietnam, böse USA, man saß weltschmerzgeschüttelt in dunklen Räumen und sprach wenig, aber immer ernst über das, was später Popkultur genannt wurde. Aus den Lautsprechern quoll Rockmusik, aber nicht einfach Rockmusik, sondern echte und ehrliche Rockmusik oder gegebenenfalls Bluesmusik, aber nur, wenn sie echt und ehrlich war. Das Pubertariat unterschied sehr säuberlich und streng zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller Musik, wobei letztere per se gut, die andere nur verachtenswert war.

Es war also sonnenklar, dass erfolgreiche Rockmusikanten niemals wirklich echte und ehrliche Musik machen könnten. Deshalb, und da musste ich mein Lachen immer mühsam zurückhalten, kaufte man nur Schallplatten von nicht-kommerziellen Musici und würde niemals in Konzerte der unechten und unehrlichen Bands gehen.
Nun gehörte das logische oder gar dialektische Denken nicht zu den Stärken der Liebhaber des dürftigen Krawalls, denn sonst hätten die Verteidiger des Echten und Ehrlichen bemerkt, dass der eifrige Ankauf von Schallplatten unter Umständen den Wohlstand der Ehrlichen mehren könnte, was zu Verwerfungen innerhalb der Werteordnung führen würde.

So geschah es auch. Einigen ehrlichen und echten Musikanten gelang der Durchbruch, und obwohl sie am Konzept ihrer lautstarken Darbietung nichts änderten, waren sie plötzlich kommerziell und somit schlecht.

Inzwischen hatte der Markt aber längst die Spielregeln erkannt und wusste, was die taschengeldverwöhnten Revoluzzer aus besserem Hause wollten: Pennerfolklore aus zweiter Hand. Die inzwischen wohlhabend gewordenen Rockmusikanten wurden professionell auf arm und ehrlich getrimmt und schauten aufmüpfig und ärmlich aus dem Plattencover. In jedem Covertext wurde immer wieder betont, dass die Tonkünstler aus ärmsten Verhältnissen stammten, keinen Schulabschluss vorzuweisen hätten und keine Noten lesen oder schreiben könnten. Und wenn der kommerzielle Erfolg sich gar nicht mehr vertuschen ließ, wurde der edle Charakter der meistens drei bis vier Ehrlichen hervorgehoben, die trotz des großen Erfolgs nie ihre ärmlichen Wurzeln vergessen hätten und deshalb echte und ehrliche Rockmusik spielten, auch wenn sie inzwischen im Rolls Royce zur Konzerthalle chauffiert werden.

Damals, in den verdunkelten Räumlichkeiten der Pubertierenden, wurde der Grundstein für eine Ideologie gelegt, die heute alle Bereiche des Handels und Wandels, aber auch des weltpolitischen Wertesystems beherrscht: ehrlich und echt ist nur der Erfolglose, denn, wer im teuflischen kapitalistischen System erfolgreich ist, beweist damit seine Schlechtigkeit und Unehrlichkeit.

Nur der Erfolglose verdient deshalb unsere Achtung, verdient unsere Förderung. Der inzwischen erwachsen gewordene Revolutionär trinkt deshalb am liebsten "ehrlichen Landwein", den er mit dem Fahrrad von einem ganz kleinen Winzer kauft. Der Wein schmeckt nicht zu schlecht und macht besoffen, wenn man genug davon trinkt. Der Wein ist ehrlich, kommt aus armem Hause und ist deshalb gut. Ein perfider Kapitalist wie zum Beispiel Rothschild könnte niemals einen bodenständigen und dazu noch ehrlichen Landwein zusammenkeltern.
Das ehrliche Brot, der ehrliche Käse und natürlich die ehrlichen Eier stammen grundsätzlich aus Betrieben, denen es schlecht geht. Erfolgreiche Betriebe können keine Ehrlichkeit produzieren. Dass Erfolg oft aus Kompetenz resultiert, wird verneint. Nein, jeder Erfolg wird nur erreicht, indem die Kleinen, Schwachen und Ehrlichen ausgebeutet und (heute noch wichtiger) unterdrückt werden.

In diesem Werte- bzw. Wahnsystem ist der Erfolgreiche deshalb immer schlecht. Dass der Verlierer, der Erfolglose vielleicht einfach zu dämlich oder verbohrt ist, kann nicht sein. Er ist niemals selbst verantwortlich für seinen Misserfolg, er ist immer Opfer, weil er eben, wir sagten es schon, unterdrückt wird.
Deshalb ist auch die politische Weltkarte für den Liebhaber ehrlicher weinhaltiger Getränke sehr einfach strukturiert. Es gibt die Unterdrücker, das sind die USA und Israel, und es gibt die anderen, die Unterdrückten. Palästinenser zum Beispiel hätten längst ein blühendes Land und würden jede Menge Nobelpreise kassieren, wenn sie nicht von den zionistischen Unterdrückern gezwungen würden, ihr Leben mit dem Basteln von Qassam-Raketen zu vergeuden. Und wenn die Unterdrückten dann noch so traurig in die Kameralinse blinzeln, möchten Frau Käßmann und Claudia Roth gar keine zionistischen Jaffa-Orangen mehr essen.

Preisfrage: wenn es den Unterdrückten doch noch gelingen sollte, ein judenfreies Palästina herbeizubomben (so schreibt es die Charta der unterdrückten Hamas vor), würden dann die wackeren deutschen Antizionisten palästinensische Orangen essen? Ich glaube schon, denn die dann regierenden Despoten wären keine Unterdrücker, sondern Befreier...

Nun ist "der ewige Sündenbock" (Tilman Tarach) Israel zur Zeit etwas aus dem Fokus gerutscht, denn rund 1 Million unterdrückte Syrienflüchtlinge aus aller Welt beanspruchen die ungeteilte Aufmerksamkeit. Vielleicht könnten die Käßmanns, Roths und Göring-Eckardts der Republik die erschöpften und zum Teil entmutigten Helfer und Polizisten mit einem Glase ehrlichen Landweines erquicken.  



      


Wednesday, 11 November 2015

Vom liberalen Rechtsstaat zur Gesinnungsdiktatur

Bei einem Putsch geht's schnell. Ein paar Tage Schusswechsel, das ehemalige Staatsoberhaupt wird aufgehängt, das neue regiert - bis zum nächsten Putsch. Das merkt jeder. Was sich seit einigen Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland vollzieht, ist ein schleichender, nichtsdestotrotz unübersehbarer und spürbarer  Prozess.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes dachten auch an den berühmten Ausspruch Friedrich des II: jeder soll nach seiner Façon selig werden. Es ist klar, dass diese "eigene Façon" nicht gegen die preußischen Gesetze verstoßen durfte. Der liberale Rechtsstaat fordert daher keine Gesinnung ein, er verlangt nur, dass die Gesetze nicht gebrochen werden. Hohe Güter dieses Rechtsstaates sind die freie Rede und die Meinungsfreiheit, aber auch diese Rechte dürfen nur wahrgenommen werden, wenn sie nicht gegen das Gesetz verstoßen. So darf niemand öffentlich zu einem Verbrechen im Sinne des Gesetzes aufrufen oder Volksverhetzung betreiben. Ansonsten wird die freie Meinungsäußerung gewährleistet. In eine kurze Formel gebracht: in einem liberalen Rechtsstaat ist alles erlaubt, was nicht gesetzlich verboten ist. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass nicht verboten werden darf, was nicht gegen das Gesetz verstößt. Missliebige, unbequeme Meinungsäußerungen zum Beispiel werden in einem liberalen Rechtsstaat geduldet, auch wenn man sie nicht teilt oder sogar ablehnt.

Die DDR und ähnliche Staaten werden deshalb in der Regel Unrechtsstaaten genannt. Denn dort sind Gesetze zweitrangig, die können jederzeit gebeugt oder geändert werden. Das Primat ist die richtige, von der Partei diktierte Gesinnung. Missliebige Äußerungen, auch wenn sie nicht ausdrücklich gegen ein Gesetz verstoßen, werden bestraft. Die Strafen reichen von Berufseinschränkungen oder -verboten über Ausbürgerung bis zur Inhaftierung.
In der DDR wurde die richtige Gesinnung von unzähligen "IM" (inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, also Denunzianten) ständig geprüft. Wer sich in der Kneipe verplapperte, wurde verpetzt und bekam Schwierigkeiten. Auch die derzeitige Kanzlerin spielte als "IM Erika" das lohnende Denunziantenspiel.

Die sogenannten Alt-Parteien der Bundesrepublik, also CDU/CSU, SPD und FDP fühlten sich mehr oder weniger dem liberalen Rechtsstaat verpflichtet, und das heißt, eine Gesinnung wurde von den Bürgern nicht eingefordert. Wer ein Gesetz übertrat, wurde verfolgt, gestellt und verurteilt. Und zwar vom Staat und nur von ihm. Der Staat besaß das Gewaltmonopol. De jure besitzt der Staat auch heute das Gewaltmonopol, aber de facto?

Mit den Grünen kam die richtige Gesinnung ins Land. Viele der Ur-Grünen waren enttäuschte "68er". Das unbelehrbare Proletariat hatte wieder einmal versagt, pfiff auf die Revolution und wendete sich sogar gegen seine Erlöser. Das ließ die selbstgerechten Menschen mit ausgeprägtem Erlöserkomplex nicht ruhen. Wenn der Arbeiter nicht will, die Natur will immer. Die wehrt sich nicht einmal und lässt sich wunderbar instrumentalisieren. Also wird die Natur erlöst, koste es was es wolle, und jeder, der auch nur ein ganz klein bisschen Mitgefühl hat, teilt diese Gesinnung. Ökologismus wurde das neue Primat. Eine Flut von geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen folgten dem Bürger überall hin. "Hey, hallo! Das gehört in die grüne Tonne, Sie Umweltschwein!". Eine inzwischen akzeptierte Zurechtweisung, die jedem Blockwart zur Ehre gereicht. Die selben Leute, die einst Musikanten, die "Freedom" ins Mikrophon krächzten, zu Wohlstand verhalfen, brachten immer neue Verordnungen und Verbote auf den Weg. Statt "Freedom" immer mehr Gängelung und Bevormundung.

Das bekannte Lied "Die Gedanken sind frei" stammt aus einer Zeit, als Maulkorb und Zensur in Deutschland herrschten. Durfte man auch nicht offen seine Meinung sagen, so tröstete das Lied, denn wenigstens (lautlos) Denken war erlaubt, denn die Gedanken konnte "kein Mensch wissen", "kein Jäger erschießen".
In seiner Dystopie "1984" lässt Orwell die Gedankenpolizei selbst die geheimsten Gedanken aufspüren, und das schwerste aller Verbrechen ist das "Gedankenverbrechen".

Ansätze zu einer Gedankenschnüffelei bestehen längst: es reicht nicht mehr, kein Gesetz zu brechen, man muss auch "hinter etwas stehen." Auch der gesetzestreueste Mülltrenner der Nation steht immer im Verdacht, "nicht wirklich dahinterzustehen", etwa wenn er das Ganze zwar mitmacht, aber lächerlich findet. Hier stimmt die Gesinnung nicht.

Zwar wird "Mobbing", also die boshafte Demütigung und soziale Isolierung von Arbeitnehmern oder Schülern inzwischen bestraft, vollkommen hilflos scheint der Staat gegenüber der "virtuellen Lynchjustiz" im Internet zu sein. Diese Lynchjustiz ("Shitstorm"), die für den Betroffenen ganz reale Folgen im realen Leben haben kann, wird nicht geahndet. Pech gehabt. Dabei wendet sich der Shitstorm nicht gegen Gesetzes-, sondern gegen "Gesinnungsbrecher". Wittert der Internet-Mob eine falsche Gesinnung, wird gnadenlos zum Halali geblasen. Das kann Nobelpreisträger treffen, die sich einen Scherz erlauben (Humor haben Gesinnungsschnüffler aller Art nicht), aber auch eine kleine Kummerkastentante, die einen Rat gegeben hat, der nicht gesinnungskonform ist. Die Existenz von Menschen wird vernichtet, nicht weil sie Gesetzesbrecher sind. Sie haben sich gegen die verordnete Gesinnung versündigt.

Die Wandlung vom liberalen Rechtsstaat zur Gesinnungsdiktatur ist vollzogen. Und kaum jemand beschwert sich darüber. Vielleicht, weil die Deutschen mit Freiheit nichts anfangen können? Liberté sagen die Franzosen zuerst, dann erst kommen egalité und fraternité an letzter Stelle. In der deutschen Hymne steht die Einigkeit zuerst. An letzter Stelle steht Freiheit.  


          

Tuesday, 10 November 2015

Oswald Spengler und ein schlechter Buchtitel

Vielleicht können einige Gelehrte nicht anders. Wenn sie ein großes und dickes Buch schreiben, muss der Titel pompös und pathetisch sein. Auch wenn er missverständlich ist.

Die gebundene Ausgabe von Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes" hat 1280 Seiten. Der Zusatz des Titels "Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte" sagt dagegen präzise, was Spengler tatsächlich wollte. Bezeichnender Weise wusste er sofort, dass der "große Titel" missverständlich ist. Deshalb erklärte er immer wieder, bzw. musste immer wieder erklären, dass das Buch nicht "pessimistisch" gelesen werden darf, dass hier keine Schiffskatastrophe geschildert wird. Warum Spengler nie auf die Idee kam, den missverständlichen Buchtitel zu ändern, entzieht sich meiner Kenntnis.

Oswald Spengler gilt bei den guten Menschen heute als "rechts". Diese guten Meinungsführer haben ihn zwar nicht gelesen, aber da hat man ja dies und das gehört, und überhaupt der Titel, das ist wahrscheinlich das reaktionäre Gejammer eines verknöcherten Oberlehrers, der beklagt, dass kaum noch ein Schüler Tacitus richtig übersetzen kann und die Hottentotten-Musik und überhaupt.

Ganz falsch. Kein geringerer als Theodor W. Adorno, den man wiederum fälschlich als "links" verortet, hat gesagt, dass Spengler keinen echten Gegner gefunden hat, weshalb man die Ausflucht ins Vergessen suchte.

Spengler hat sich gleich nach der Machtübernahme der NSDAP sehr reserviert gezeigt. Spätestens ab 1934 hat er das Regime vehement abgelehnt.
Worum geht's? Spengler untersucht die Morphologie, das heißt die Gestalt und ihre Eigenschaften an acht Hochkulturen (später nahm er eine neunte, die russische hinzu), die er vollkommen gleichberechtigt(!) nebeneinander stellt. Er kommt zu erstaunlichen Resultaten: er stellt fest, dass jede dieser Hochkulturen sehr ähnliche Phasen durchläuft,die von einer "Vorkultur" (Entstehung von Mythen) über ihre Blütezeit bis zu ihrem Untergang reicht. Jede dieser Phasen bringt charakteristische Kulturtechniken, Baukunst, Bildende Kunst, Musik, Wissenschaften etc. hervor.

Diese von ihm konstatierte Gleichförmigkeit führte ihn zu einem sehr spannenden Begriff: die "Gleichzeitigkeit" bedeutet bei ihm nicht, dass zwei Ereignissen zeitgleich stattfinden (für entsprechend kurze Entfernungen gilt ja noch Newton...), sondern dass Ereignisse der verschiedenen Kulturen übereinstimmen, auch wenn sie chronologisch weit auseinander liegen. Beispiel: den Beginn der abendländischen Hochkultur verortet Spengler etwa 900 n.Chr. D.h. 1100 wäre also 200 Jahre nach diesem Beginn. Nun entdeckte Spengler, dass sich 200 Jahre nach dem Beginn jeder(!) Hochkultur ähnliche Entwickungen abzeichnen, auch wenn der Beginn 1000 Jahre früher oder später stattfand. So werden vom ihm etwa Homers Ilias und Odyssee und das Nibelungenlied als "gleichzeitig" gesehen, obwohl letzteres viele Jahrhunderte später entstand.

Als Student konnte ich das Buch dereinst kostenlos ausleihen. Die Zeiten sind vorbei.
Wer also wie ich die Kosten scheut, kann das Buch in zwei Teilen kostenlos als Kindle-Datei runterladen (amazon).
Obwohl sehr gelehrt, ist das Buch in einem schnörkellosen Deutsch geschrieben.

P.S.: Spengler veranschlagt für jede Hochkultur eine ungefähre Lebensdauer von 1000 Jahren. Die Abweichungen können einige Jahrzehnte betragen, bedingt durch die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der sich Entwicklungsphasen vollziehen. Das Abendland ist also fällig.


Helmut Schmidt ist gegangen

Der letzte politische Kopf der Bundesrepublik Deutschland ist gestorben. Marc Aurel, Max Weber und Karl Popper hatten dich geprägt, Männer der Logik, Männer der Klarheit. Mit Gesinnungsschwurbelanten hattest du nichts im Sinn, die hast du mit deiner berühmten Schnauze zusammengefaltet. Man hatte dich mal nach deinen Lieblingskomponisten gefragt. Die Antwort kam prompt: Bach. Mozart, dann erst mal nichts, dann Beethoven. Eine Antwort, so klar wie deine Entscheidungen, so klar wie dein Krisenmanagement. Ich hoffe, an dem Ort, an dem du jetzt bist, verbietet kein Gesundheits-Terrorist das Rauchen. Du wirst zusammen mit Loki  genüsslich Mentholzigaretten rauchen und mit Horowitz an zwei Klavieren Mozart spielen. Das wünsche ich dir.
R.I.P.



Monday, 9 November 2015

Das Logikproblem der Nichtwähler

Wenn in einem Online-Forum Wahlergebnisse diskutiert werden, melden sich immer auch Nichtwähler zu Wort, die ausrechnen, dass eine Partei ganz uns gar nicht die angegebenen Prozente erreicht hat, denn es wurde ja die große Gruppe der Nichtwähler nicht berücksichtigt.

Diese Nichtwähler sind inzwischen eine stolze Vereinigung. Sie steigern sich sogar zu einer contradictio in adiecto und nennen sich vollmundig "Partei der Nichtwähler." Dass sie sich mit diesem amüsanten Widerspruch in einem Monty Python-Sketch befinden, bemerken sie nicht, denn es hapert mit dem logischen Denken:

In jeder Stadt gibt's ein Restaurants. "Bei Alfredo" wird von 40% der Bewohner regelmäßig frequentiert. Davon bevorzugen 50% das Kalbsgulasch, weiteren 20% schmecken die Rindsrouladen sehr gut, 10% schwören auf die Sahneschnitzel, 15% essen regelmäßig Bratfisch mit Bratkartoffeln, 5% mögen die Erbsensuppe mit Wursteinlage. Von diesen 100% aller Restaurantbesucher haben 80% auch mal ein anderes Gericht ausprobiert, waren aber nicht begeistert und bestellten dann wieder ihr Lieblingsgericht.
Die Restaurantbesucher treffen sich auch regelmäßig und diskutieren die Speisekarte. Es wird auch kontrovers diskutiert, denn die eine oder andere Portion ist kleiner, das Kalbsgulasch schon wieder teurer geworden, und der neue Koch ist nicht ganz so gut wie der alte. Man nimmt sich auch vor, mit dem Restaurantbesitzer darüber zu sprechen.

Diese Diskussionen werden regelmäßig gestört. 60% der Bewohner waren nämlich noch nie "Bei Alfredo", das heißt, die Mehrheit (man betont es immer wieder und lautstark) hat entschieden, dass das Essen in diesem Restaurant erstens überhaupt nicht und zweites alles gleich schmeckt. Das heißt auch, dass etwa die 50%, denen das Kalbsgulasch schmeckt, überhaupt keine Relevanz haben, denn es sind nur 50% von lumpigen 40% der Einwohner.

Es ist beruhigend, dass die Nicht-Besucher keine Restaurantkritiken schreiben und über Speisen urteilen, die sie nicht gegessen haben. Das wäre nämlich ein hübscher Monty Python-Sketch.  


Peter Sloterdijk definiert Politik als "das öffentliche Streiten über das richtige Leben." (Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft). So eine Politik findet in Deutschland nicht mehr statt. Eine gespenstische Symbolpolitik wird mit religiösem Eifer von einer gläubigen Priesterschaft zelebriert; Kanzlerinnen-Selfies mit "Flüchtlingen", "wir schaffen das" (was genau und wie und warum?). Eine blutleere Nicht-Politik, die das "zoon politikon" längst hinter sich gelassen hat. Zauberberg-Zeiten, hoch oben über dem entmündigten Volk, morbide Lust an Selbstbeschädigung, an Selbstaufgabe. "Nazikompensationskomplex" (Markus Vahlefeld), "Deutschland wird sich verändern" (wie genau und warum?). Wird es endlich untergehen, "sich abschaffen" (Thilo Sarrazin)? Wenn schon büßen für die schwarze Vergangenheit, dann, ich schrieb es schon: weltmeisterlich.


Ich habe mal formuliert: Frieden ist die Kunst des Streitens. Ich streite mich nicht mit Menschen, die mir gleichgültig sind. "Du hast recht, und ich habe meine Ruhe" sagt eine bekannte Floskel. Schöntuerei und Schmeichelei können immer auch Heuchelei sein. Der Wunsch, zivilisiert zu streiten dagegen ist ein verlässlicher Indikator dafür, dass mir die Person wichtig ist. Ich streite "griechisch-jüdisch", also nicht mit dem Ziel, unbedingt Recht zu haben oder zu behalten, sondern mit dem Ziel, die Richtigkeit einer Behauptung zu belegen oder zu widerlegen, bzw. mich widerlegen zu lassen. In den platonischen Dialogen, aber auch im Talmud finden wir viele Beispiele für die Kunst des Streitens.
Genauso ging es mir mit Deutschland. Ich fing an, mit Deutschland zu streiten als ich vielleicht 18 Jahre alt war und hörte nicht auf damit, ließ kaum ein gutes Haar an dem Land. Ich stritt mit ihm, weil es mir wichtig war, ja weil ich es mit all seiner Großartigkeit und seiner Widerwärtigkeit liebte. Deutschland ist jetzt auf dem Weg, mir gleichgültig zu werden.  

Sunday, 8 November 2015

Warum die AfD gefährlich ist

Die Partei wächst rapide und nimmt inzwischen 50 Mitglieder täglich auf. In vielen vor allem ostdeutschen Wahlkreisen ist sie mit "Die Linke" gleichauf oder schon stärker. Ihre Methode ist so alt wie alle extremen Parteien: sie schürt und instrumentalisiert Angst für ihre Zwecke. Warum funktioniert das so gut und immer wieder?

Ganz gegen meine akademische Gewohnheit möchte ich Kafkas "Kleine Fabel" einmal politisch interpretieren.

Eine Maus läuft immer in dieselbe Richtung und hat Angst. Zuerst ist die Welt so weit und grenzenlos. Das macht ihr Angst. Vorübergehend ist sie glücklich, weil sie endlich Mauern links und rechts sieht, die ihr Orientierung und Sicherheit geben. Dieses Glücklichsein ist schnell vorbei, denn die Mauern eilen immer schneller aufeinander zu, und sie glaubt schon im letzten Zimmer zu sein und sieht schon die Falle, in die sie laufen wird.
Das Leben der Maus wird von Angst bestimmt. Sie probiert deshalb nichts aus, sucht keinen anderen Weg oder ein Mauseloch in der Wand, nein, sie läuft immer in dieselbe Richtung und glaubt zu wissen, dass kein Ausweg möglich ist und sie unbedingt in die Falle läuft.
Eine Katze muss ihr wohl gefolgt sein, denn die "Kleine Fabel" endet mit ihrem Lockruf: "Du musst nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.

Die Katze war real. Sie wartete nur auf den richtigen Augenblick: irgendwann würde die Angst der Maus so groß sein, dass sie auch den schlechtesten, ja in diesem Fall tödlichen Rat annehmen würde. Gab es für die Maus keinen anderen Weg? Wir wissen es nicht, denn wenn uns die Angst vollkommen beherrscht, verschließen sich uns alle womöglich rettenden Wege. Die Katze, die uns fressen will und es auch tut, bemerken wir viel zu spät.

Differenzieren, abwägen, Möglichkeiten ausprobieren setzt einen gewissen Wohlstand und Schutz durch eine Staatsmacht voraus. Die griechische Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft entstanden in recht geordneten Verhältnissen sozusagen. Wenn diese Verhältnisse nicht gegeben sind, läuft der tägliche Kampf um Nahrung und Wasser meistens auf ein "Der-oder-Ich" hinaus. Wer in der Wildnis einem wilden Tier gegenüber steht, kann sich den Luxus des Differenzierens und Abwägens nicht leisten. Da regeln entwicklungsgeschichtlich uralte Handlungsstrategien - Kampf oder Flucht - die Vorgehensweise. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit.

Parteien wie die AfD nutzen das aus. Sie wachsen mit der Angstkonjunktur. Indem sie pausenlos auf das vermeintlich einzige Problem Deutschlands lautstark verweisen, lassen sie "die Wände so schnell aufeinander zueilen" (Kleine Fabel), dass "die Mäuse" keinen anderen Ausweg mehr suchen, sie wähnen sich schon im letzten Zimmer und sehen die Falle, in die sie laufen, wenn nicht, ja wenn nicht endlich der Retter kommt - die Katze, die sie frisst.

Es ist vollkommen legitim, gegen die verantwortungslose "Flüchtlingspolitik" der Regierung zu demonstrieren. Sich an den ausdrücklich eingeladenen Gästen zu vergreifen oder deren Unterkünfte zu zerstören, ist schändlich und muss streng verurteilt werden. Demonstrieren geht auch ohne AfD, Pegida und andere Angstmacher. Sie sind nicht im letzten Zimmer, und die Falle haben Sie auch noch nicht gesehen.    

Ein Lügner glaubt keinem An dieses sehr tiefsinnige Sprichwort muss ich immer denken, wenn ich die Propaganda (in der Vor-Merkelzeit gab e...