Sunday, 28 August 2016

Erdbeben und andere Naturkatastrophen

Alle reden davon, alle sind schockiert. Als 1755 ein gewaltiges Erdbeben Lissabon verwüstete, war Voltaire so aufgebracht, dass er einen gütigen und gerechten Gott anzweifelte. Denn wenn es einen solchen gäbe, wäre dieses Erdbeben nicht möglich gewesen. So Voltaire. Er revanchierte sich dann bei Leibniz (Theodizee) mit dem wunderbaren satirischen Roman Candide (einer meiner Lieblingsromane des 18. Jahrhunderts). In diesem Roman tritt der ewig optimistische Leibniz (die Welt ist die beste aller möglichen) als Philosoph Pangloss auf, der den vom Unglück verfolgten Candide immer wieder darauf hinweist, dass alles zum Besten bestellt sei.
Mit Naturkatastrophen müssen alle Menschen und Tiere leben. Wir können sie nicht nur nicht beeinflussen, sie zeigen uns auch, dass es mit der Naturbeherrschung nicht weit her ist. Jedes Erdbeben, jede Flutkatastrophe zeigt uns das. Diese Katastrophen stehen außerhalb unserer Macht.

Natürlich versuchen wir, uns zu schützen. Wir bauen Deiche, entwickeln Frühwarnsysteme für Erdbeben, beobachten den Himmel, halten Ausschau nach gefährlichen Asteroiden. Wir tun alles Menschenmögliche, aber das ist eben nicht sehr viel: wenn es richtig rummst, sind wir erledigt. Das ist so und lässt sich nicht ändern.

Vielleicht interessieren mich deshalb Katastrophen, die wir durch vernunftgelenktes (politisches) Denken durchaus verhindern können, wenn wir es denn wollen. Deutschland weist einen relativen Mangel an Naturkatastrophen auf.  Zwar gibt es ziemlich regelmäßig Sturmfluten, aber die Schäden sind lokal und weit weniger drastisch als etwa die Schäden, die gerade Mittelitalien erleiden muss. Diesen Mangel gleicht Deutschland aber spielend aus, indem es Katastrophen anderer Art, nämlich vermeidbare, gerne selbst fabriziert. In diesem Zusammenhang fällt mir Friedrich Rückert ein:

Am Ende sieht's ein Tor,
ein Klüg'rer in der Mitte,
und nur der Weise sieht das Ziel
beim ersten Schritte.



Saturday, 27 August 2016

Mach keine Witze!

Das deutsche Kabarett nach 1945 glänzt durch Unwitzigkeit. Seine Spezialität ist der "einverstandene Humor": Kabarettist und Publikum bilden eine ungebrochene Allianz. Berühmt und berüchtigt waren "linke" (DKP oder auch mal SPD) Kabarettisten, die vor DKP- oder SPD-affinem Publikum gegen die CDU austeilten. Ach, wie witzig. Und so bequem. Das Publikum klopfte sich auf die Schenkel und lachte, weil der Kabarettist genau das sagte, was das Publikum hören wollte. Das Ganze glich einer Honecker- oder Merkelrede, nach der das ganze Politbüro stehende Ovationen gab. Einverstandener Humor. Er ist geradezu das Gegenteil von echtem Witz, denn der setzt eine radikal skeptische Haltung voraus.
Daran hat sich nichts geändert. Öffentlichrechtliche Berufskasper keilen regierungskonform gegen Regierungsgegner, heute vornehmlich gegen die AfD oder Pegida oder das ganze "rechte Pack". Da tut nichts weh. Vor allem die besoldeten Spaßmacher haben nichts zu befürchten, weder von der dankbaren Regierung, noch von explosionsfreudigen Surensöhnen. Wenn Kabarett aber nichts anderes mehr ist als dümmlich verkalauerte Tagesthemen, wird es entbehrlich. Kabarett war immer Gegenmeinung, im besten Fall eine gekonnt witzige Abrechnung mit dem Zeit(un-)geist.

Einige wenige Kabarettisten (siehe Link) sagen wenigstens die Wahrheit: sie haben Angst. Angst vor Dschihadisten, die auch von Humor nichts verstehen. Aber anstatt daraus abgründigen Humor zu entwickeln (aus dem Ärmel: "ich spreche hier nicht über den Islam. Ich spreche überhaupt nie über den Islam. Und das hier, diese Karikatur (zieht eine Zeichnung aus der Tasche) stellt nicht den Propheten dar. Das ist meine Tante. Die sieht immer so aus."), halten sie den Mund. Darin zeigt sich ihre Mittelmäßigkeit.

Zwischen 1933 und 1945 mussten Kabarettisten auch sehr auf der Hut sein, aber sie kannten wenigstens Karl Kraus, der sehr witzig sagte: "Satire, die der Zensor versteht, wird mit Recht verboten." Die Meister von einst verklausulierten ihren Humor so geschickt, dass die Nazis (heute sind es die Muslime) nichts merkten, aber das intelligentere Publikum immer wusste, was und wer gemeint war. Die schwachen Spaßmacher schossen damals lieber gegen Juden, das zog immer und ganz ohne Anstrengung. Das durfte auch gerne entsetzlich plump sein. Der plumpe Nazi lachte.
 Der große Werner Finck sagte öffentlich: "Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muss, wenn ich nicht hinter ihr stehe." Kein Parteiname fällt, und trotzdem wusste jeder, dass die NSDAP gemeint war. So machten es die Meister. Aber die sind tot.

http://www.achgut.com/artikel/kabarett_die_noetige_portion_feigheit

Ein Leser schreibt zu dem verlinkten Artikel:

Einer der ermordeten Charlie-Hebdo-Karikaturisten sagte: "Lieber aufrecht sterben, als auf den Knien leben." Für Schweizer Kabarettisten gilt - mit Ausnahme von Thiel - offenbar das gegenteilige Motto. Und der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr sagte, dass man als Künstler im Westen zum ersten Mal seit 1945 ein Thema meiden müsse, um keine Gewalt zu erleiden. Soweit hat uns falsche Toleranz gebracht.

Friday, 26 August 2016

Gefährliche Irre?

Es hat lange gedauert, bis "Irrenhäuser" zu psychiatrischen Kliniken umbenannt wurden, es hat lange gedauert, bis Betroffene oder ihre Familienangehörigen einigermaßen offen über ihre psychische Erkrankung sprechen konnten. Es ist noch nicht lange her, da wurden "irre" Familienmitglieder möglichst nicht erwähnt und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand.

Natürlich feixt inzwischen jeder Hirnbesitzer, wenn er immer wieder von "psychisch verwirrten Einzeltätern" lesen muss, die zwar vor der Tat gut vernehmlich "Allahu Akbar" riefen, aber nun, das kann auch Zufall sein, vielleicht hatte der traumatisierte, verwirrte Einzeltäter mit psychischen Problemen nur irgendwas aufgeschnappt; jedenfalls sind die Motive des psychisch gestörten Traumatisierten mit Depressionen immer unklar. Man lacht. Aber zum Lachen ist das ganz und gar nicht.

Es wird nämlich bei diesen hanebüchenen Lügen anscheinend überhaupt nicht bedacht, dass durch diese angeordnete Verschleierung eine vollkommen falsche und bösartige, längst überwunden geglaubte Einstellung zu psychisch kranken Menschen neu belebt wird: diese Menschen sind gefährliche Irre, die jederzeit zu Bombe, Hackebeil oder Dönermesser greifen können. Auf dem Altar einer verschrobenen Gesinnungsdiktatur werden viele Jahrzehnte Aufklärung geopfert, auf diesem schmutzigen Altar werden kranke Menschen wieder zu potentiellen Mördern gebrandmarkt. Das ekelt mich an.

Alice Schwarzer war eine der ersten Frauen in Deutschland, die ihre rosarote Brille putzten und klarsichtiger wurden. Aber nur langsam und erst als es "um die Frauen ging". Erst dann. Jetzt zieht sie - als Feministin - Bilanz, denn es geht ja um Frauen:

http://www.cicero.de/berliner-republik/ein-jahr-grenzoeffnung-wir-waren-alle-naiv

P.S.: Frau Schwarzer, "aufoktroyiert" ist beliebt, aber trotzdem falsch. "Oktroyiert" heißt bereits aufgepfropft. Das "auf" ist ein überflüssiger Doppelmoppler. Und noch etwas unterlassen Sie bitte: das vereinnahmende wir (Pluralis Majestatis). Wir waren nämlich keinesfalls alle naiv. Sprechen Sie über Ihre Naivität, verstecken Sie sich nicht hinter einem unverschämten wir. Sprechen Sie nicht über meine nicht vorhandene und auch nicht über die nicht vorhandene Naivität der (leider zu wenigen) Menschen, die seit dem 4. September 2015 tagtäglich vor der allein durch Frau Merkel eingeleiteten Zerstörung Deutschlands und Gefährdung Europas warnen. Aber all jene, die ihre Augen offen hatten und sofort sahen, dass da keine Kriegsflüchtlinge kamen, sondern junge kräftige Muslime ohne Pass aber mit Smartphone, wurden sofort in "die rechte Ecke" gestellt und als "Pack" beschimpft. Einige von ihnen verloren ihre Arbeit, andere wurden mittels des "sozialen Netzes" kaltgestellt.

Tuesday, 23 August 2016

Merkeleinkauf schon erledigt?

Zivilschutzmaßnahmen sind nichts Neues. Die Empfehlung, sich für einige Tage oder sogar Wochen zu bevorraten, war bis zum Ende des sogenannten Kalten Krieges immer mal wieder ausgesprochen worden. Und Menschen, die in besonders gefährdeten Gebieten leben (Sturmflut, Hochwasser etc.) taten schon immer gut daran, sich auf einen Notfall vorzubereiten.

Nun ist die eingeschlafene Empfehlung plötzlich wieder aufgeweckt worden. Warum und warum gerade jetzt? Frau Merkel hat erst kürzlich wieder bekräftigt, dass eine Bedrohung nicht mit den Schutzsuchenden kam. Daran kann es also nicht liegen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die rätselhafte Bemerkung, die dem Innenminister vor vielen Monaten wohl aus Versehen über die Lippen kam. Da ging es um "Antworten, die die Bevölkerung verunsichern könnten". Diese seltsame Bemerkung wurde in den Medien kurz behandelt, ging dann aber im Freudentaumel deutscher Pastorinnen unter. Wir können nur annehmen, dass es sich um Erkenntnisse des BND und anderer Nachrichtendienste gehandelt haben könnte, die jede Predigt versauen würden.

Aber das Ganze war dann schnell abgefrühstückt, und man wendete sich wieder den Traumatisierten und ihren Bedürfnissen zu. In diesem Zusammenhang habe ich gestern einen Artikel im "Cicero" (Magazin für politische Kultur) gelesen, der wohl ans Herz gehen sollte, bei mir aber glatt vorbei direkt in die Lachmuskeln einschlug: die Rede war von einem armen syrischen Kriegsflüchtling, der seine Frau(en) und Kinderchen vorsorglich im Assad'schen Bombenhagel zurückließ und nun seine Familie nachkommen lassen will. Aber pronto. Der Verzweifelte ist erzürnt, weil die deutschen Behörden viel zu langsam sind. Er hat deshalb beschlossen, sich nicht mehr auf diese langsamen Behörden zu verlassen (Stichwort: Unmenschlichkeit), sondern sich an "Händler" zu wenden, die auch online "Termine" verkaufen. Für diese Dienste musste der Kriegsflüchtling satte 4000 Euro bezahlen. Wem jetzt irgendwas merkwürdig vorkommt, sollte es tunlichst für sich behalten, sonst ereilt ihn der lange Arm der Maas'schen Gesinnungspolizei...

Wer die Presse aufmerksam liest, stellt fest, dass nicht mehr von Zivilschutz die Rede ist. Es geht jetzt um Zivilverteidigungsmaßnahmen. Neuer Begriff, neue Bedeutung. Auch der Bevorratungskatalog wurde erweitert. Neben Wasser und Lebensmitteln sollen auch wärmende Kleidung, Heizstoffe, Kerzen, Notbeleuchtung u.a. in der Wohnung verstaut werden. Da findet sich bestimmt neben der Wickelkommode noch etwas Platz. Die Rede ist auch von einem möglichen "hybriden" Angriff. Damit ist gemeint, dass nicht nur Bomben, Beile oder Dönermesser von verwirrten Einzeltätern mit psychischen Problemen, sondern auch "Cyberwar"-Besteck wie Schadsoftware zum Einsatz kommen könnten. Es ist ja nichts Neues, dass das Lahmlegen von großen Netzwerken heute ein ganzes Land ins Chaos stürzen kann.

Wer jetzt das Gefühl hat, dass sich seit September 2015 etwas verändert haben könnte in Deutschland, liegt genau richtig. Denn genau das hat nicht nur Frau Göring-Eckardt jauchzend vor Glück prophezeit: "Deutschland wird sich verändern. Und zwar drastisch, und ich freue mich darüber."
Wenn Sie Ihre Bevorratung erledigt haben, köpfen Sie eine Flasche Champus und freuen Sie sich auch. Aber so richtig.

 

Sunday, 21 August 2016

Vermummung oder Verschleierung oder was?

Dörte ist unheimlich aufgeklärt. Sie veranstaltet regelmäßig Masernparties, damit die Kinder ganz natürlich schön krank werden oder schöne Folgeschäden erleiden oder schön sterben. Aber das geht in Ordnung, denn das war früher auch so und früher war alles ohne Chemie und deshalb besser. Sie würde Kinder niemals impfen lassen. Und weil die Kinder nicht wissen, worum es geht und sich auch nicht wehren können, werden sie gar nicht erst gefragt. Denn Dörte ist aufgeklärt und glaubt an Zuckerkügelchen, magnetisches Wasser und Steine, die beim Menstruieren und auch sonst bei allem helfen.

Umso wütender wird sie, wenn Aishe sich vollverschleiert. Dass Aishe unterdrückt wird, ist Dörte vollkommen klar, aber diese Aishe behauptet, sie mache das freiwillig. Lächerlich. Dörte kann es nicht fassen. Während ihre Globuli D30 ein Zeichen der Aufklärung sind, ist die Burka doch ein Symbol der Unterdrückung. Steinzeit. Das weiß nicht nur Dörte, sondern auch ihre männlichen Kollegen pflichten bei. Aber dass diese Aishe zu blöd ist, um ihre eigene Unterdrückung zu kapieren, macht Dörte und ihre Kollegen fassungslos. Soll die Burka verboten werden? Verbote sind immer schlecht, meint Dörte, außer es geht um Impfen oder Rechtspopulisten, das sollte schon verboten werden.

Dauerkabarett. Die Diskussionen über das "Burkaverbot" erinnern an Loriot. Mir ist es vollkommen gleichgültig, wie die Leute zuhause oder auf den Fußwegen rumlaufen. Und ich habe auch schon sehr freizügig bekleidete Damen und Herren gesehen, denen ich eine Burka an den Leib gewünscht habe. Aber Toleranz heißt bekanntlich Duldung, und deshalb dulde ich alle Bekleidungen, auch wenn sie mir nicht gefallen. Und was wirklich freiwillig geschieht, haben wir noch nicht vollständig verstanden. Dass auch der freie Wille präformiert, also nicht vollständig frei ist, konnte die Neuropsychologie vor nicht langer Zeit zeigen. Es ist also ziemlich müßig, jemandem zu unterstellen, dass er zum Beispiel eine Burka nicht freiwillig trägt, aber ganz freiwillig an die Heilkraft magnetischen Wassers glaubt. Freiwilligkeit ist eine begriffliche Hilfskonstruktion, solange wir die Kausalität noch nicht verstanden haben. Wir kennen die prima causa noch nicht, die dann zu dem führt, was wir freiwilliges Tun nennen. Aber die Neuropsychologie arbeitet daran. Mein Lehrer Gerd-Günther Grau hat mal sehr nachdenklich und ernst gesagt, dass man über Kants Satz, dass niemand freiwillig Böses täte, sein ganzes Leben lang nachdenken könnte.

Versachlichung bitte

Nützlich ist immer ein Genus Proximum, ein Oberbegriff, unter den unter anderem die Vollverschleierung fallen kann. Den haben wir. Er heißt Vermummung. Darunter ist vor allem das Verdecken des Gesichts gemeint. Es ist das Gesicht, das vor allem für die (Wieder-)Erkennung unentbehrlich ist. Bestimmt sind Ihnen schon an Tankstellen, Einkaufsläden oder Banken die kleinen Verbotsschilder aufgefallen: Motorradhelme müssen vor Betreten abgesetzt werden. Das Gleiche gilt auch für ein Nikolauskostüm, das ein alberner Politiker jüngst in die Diskussion einbrachte, aber bestimmt auch für unzählige andere Maskeraden, die eine Gesichtserkennung unmöglich machen. Aber auch jeder Kaufmann kann von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Kunden mit aufgesetztem Motorradhelm, Clownsmaske, Burka usw. den Eintritt in sein Geschäft verweigern. Im Falle eines Diebstahls wäre es wenig hilfreich, wenn die Kamera einen alten oder jungen Sack oder eine alte oder junge Säckin zeigte. Also Gesicht freimachen. Das gilt für alle, und alle schließt selbstverständlich auch Burkaträgerinnen ein. Wer seine Religion über diese Forderung stellt, kann eben nicht einkaufen gehen, keine Bank oder Behörde aufsuchen. Das müssen die vollverschleierten Damen selbst entscheiden. Ganz freiwillig.
Dass eine Burkaträgerin weder als Angestellte noch als Beamtin im Öffentlichen Dienst arbeiten darf, versteht sich von selbst. Durch das Tragen der Burka zeigt sie ihr ausdrückliches Einverständnis mit der Scharia, dem islamischen Recht. Und dieses ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, dem jeder Angestellte und Beamte des Öffentlichen Dienstes verpflichtet ist.

Anders verhält es sich, wenn eine Muslima aussteigen will und Schutz vor ihren islamischen Häschern sucht. Dann muss sich der Rechtsstaat schützend vor sie stellen. Dann müssen ihr Wege angeboten werden, etwa die Unterbringung in Schutz- oder Frauenhäusern, und selbstverständlich müssen die Häscher dingfest und unschädlich gemacht werden. Ohne Ausnahme und mit aller Härte. Diese Frauen müssen beschützt werden wie jede andere misshandelte Frau, wie misshandelte Kinder oder Sektenmitglieder, die aussteigen wollen. Auch weil die gewährte Religionsfreiheit immer auch die Freiheit von jeder Religion einschließt. Niemand darf gegen seinen Willen in einer Religionsgemeinschaft festgehalten werden. Diese Freiheit muss der Staat schützen. Und Muslime, die das nicht vollumfänglich akzeptieren, haben in einer offenen Gesellschaft in der Tat nichts zu suchen.

Saturday, 20 August 2016

Henryk M. Broder zum 70sten

Auch von mir herzliche Glückwünsche. Kennen wir uns? Eigentlich nicht. Also praktisch kenne ich dich nicht, und du kennst mich praktisch auch nicht. Wie man so sagt. War da was? Ein bisschen was. Ein Telefonat, ein einziges. Da ging's um Ephraim Kishon. Hast du längst vergessen, kein Problem. Zwei meiner Texte auf deiner "Achse", ist auch schon länger her. Bestimmt auch vergessen, kein Problem. Ach ja, wir haben mal kurze Zeit für Abi Melzer (Semitimes) geschrieben. Und haben beide lange, sehr lange aufs Honorar gewartet. Daran konntest du dich gut erinnern, als wir das letzte Mal, schon länger her, Mails tauschten.

Was mag ich an dir? Du haust auf die Kacke, dass es klatscht und spritzt. Und immer ganz knapp oberhalb der Gürtellinie. Aber so knapp, dass dich die Getroffenen ignorieren, ausladen oder sogar mit Prozessen überziehen. Mag ich, aber. Ja, mein Lieber, so ganz ohne aber kommst du mir nicht davon. Das ist hier kein Nekrolog, also de mortuis nil nisi bonum und sowas läuft noch nicht. Du lebst und wirst hoffentlich 120!

Du warst mal "links", na ja, eher ein Pop-Linker, und sogar Mitglied der Grünen. Da lagen die Haufen immer schön geordnet rechts davon. Da hast du dann reingehauen, dass es klatscht und spritzt. Irgendwann ist dir klargeworden, dass es auch im "linken Spektrum" gewaltig stinkt. Du bist dann aus der Partei ausgetreten. Richtig so, aber. Ja, da ist es wieder, dieses aber. Deine politische Heimat ist dann so eine General-Opposition gegen alles Linke und Grüne geworden, die nicht frei von Automatismen ist, soll heißen, wenn immer die Grünen oder vermeintlich Linken für etwas sind, bist du automatisch dagegen. Also Minus wird immer mit Plus und umgekehrt beantwortet. Automatismus eben. Oft drängt sich mir der Eindruck auf, dass der Inhalt nebenrangig ist, ja keine Rolle zu spielen scheint. Ich räume ein, dass ich mich da natürlich irren kann.

Hat nicht schon dein (ehemaliger) Freund, der auch von mir hoch geschätzte Eike Geisel, auf diese deine Charakterschwäche aufmerksam gemacht? Der leider verstorbene Geisel kann dazu nichts mehr sagen, aber mal ehrlich, er war besser als du und vor allem mutiger, mhm? Ich meine, das solltest du mit oder ohne Neid anerkennen, dass er der brillantere Polemiker war und vor allem im Gegensatz zu dir nie Angst hatte. Und wenn ich eure wichtigsten Bücher in Konkordanz lese, sehe ich, dass du stilistisch viel von ihm gelernt hast. Aber eines hat du leider nicht von ihm gelernt: das unbestechliche und mutige Schreiben gegen alles, was stinkt. Du bleibst immer im leicht stürmischen, aber nie gefährlichen Fahrwasser. Du kämpfst, aber immer risikominimiert, immer mit Sicherheits-Netz und ziehst auch mal den Schwanz ein, wenn's ans Eingemachte geht und hältst schleimige Reden.
Denn auf Honorare willst du nicht verzichten, soweit geht deine Frechheit nie. Michael Klonovsky hat seinen Job beim Focus riskiert - und verloren. Geisel hat viel riskiert und so manches verloren. Du schreibst dagegen wohlfeile Polemik, immer "Die Welt"-kompatibel. Bloß kein Risiko, nicht wahr? Siehst du, das verstehe ich, denn es ist menschlich, aber jetzt bist du 70. Du kannst es dir leisten, beide Augen weit zu öffnen und gegen alles anzuschreiben, was stinkt.
In diesem Sinne
Jens  

Friday, 19 August 2016

Pädagogen aufgepasst: Kinder brauchen Märchen

Nicht sozialpädagogengerechte Verbrechen gegen die Literatur. Kinder brauchen Märchen (Bruno Bettelheim), richtige Märchen. Diese kleinen Mythen, diese archetypischen Erzählungen, die seit vielen hundert Jahren und kulturenübergreifend vom immer Gleichen erzählen. Von Konflikten, von Problemen des Erwachsenwerdens, die mühsam gelöst werden und schließlich in die Wiederherstellung des Paradieses münden. Pädagogen, die ihr Studium mit Sitzstreiks bestanden haben, wissen das nicht und betrügen unsere Kinder um etwas Essentielles und Wunderschönes: Märchen. In ihnen wird Krisis, Katharsis und Apotheosis eben märchenhaft verarbeitet. Der gütige König (Vater) gestorben, das Kind einem missgünstigen oder sogar bösen Menschen ausgeliefert (Krisis). Aber schließlich fasst das Kind Mut und wird, auch mit der Hilfe eines Freundes, eines Prinzen zum Beispiel gerettet (Katharsis). Erlösend, wie nach dem glücklichen Erwachen aus einem langen Traum, schließt die kleine Mär mit dem tröstlichen "und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute".  Eine verlockende Transzendenz, denn wissen wir, ob sie gestorben sind? Das Kind lächelt erleichtert, denn alles ist wieder gut, und schläft ein.

Vor ein paar Tagen kaufte ich für meine 3-jährige Enkelin vom Aldi-Wühltisch und ohne genau hinzugucken das Buch "Hansel and Gretel", klar in englischer Sprache und überreich illustriert, aber was soll's, dachte ich, ohne dummbunte Bilderflut geht heute nichts mehr. Dass durch die Übervisualisierung heutzutage die phantastische Fähigkeit des Kindes, nämlich das (Vor-)Gelesene in eine reiche eigene Bilderwelt zu verwandeln, erstickt wird, ist zwar bedauerlich, aber der zunehmenden Kulturzertrümmerung geschuldet. Egal, als in dieser Hinsicht resignierter, aber glücklicher Opa setzte ich mich mit meinem kleinen Schatz aufs Sofa und hub an zu lesen.
Der Plot:
Familie mit (Stief-)Mutter, Papa, Gretel und Hänsel sitzen am Tisch und haben nur Toast zu essen. Butter, der labberige Ham, das salzlose Chicken und womit die gummösen Teiglinge sonst noch veredelt werden, fehlen gänzlich. Deshalb ist der Vater missgelaunt und schlägt vor, die kindlichen Mitesser loszuwerden. Zum Glück grenzt das Häuschen an einen Wald. Die Kinder klauen noch schnell etwas Toast und bröckeln ihn auf den Waldweg, weil es in alten Zeiten noch kein Navi gibt. Die Stiefmutter hat nichts besseres zu tun, als ein paar Vögel anzustiften, die Toasthappen zu verspeisen. Dumm gelaufen, aber da steht schon ein Haus aus Pfefferkuchen fein, wer mag der Herr...der Herr ist eine Frau, die wirklich sauer ist, weil die beiden Vandalen rücksichtslos Teile des Hauses verspeist haben. Kann man verstehen. Sachbeschädigung ist kein Kinderspaß. Aber die Kinder zeigen sofort tätige Reue, Hänsel fertigt eine Bauzeichnung an, gemeinsam mit der inzwischen fröhlichen Frau möbeln sie die Hütte zu einem feschen Palast auf. Super.

So stellen sich Sozialpädagogen kindgerechte Märchen vor. Das sind sie aber nicht. Bitte wenigstens mal Bruno Bettelheim lesen. Bitte.  Nur ein bisschen. Vielleicht gibt es inzwischen Kinderpsychologie für Dummies? Noch besser: lasst einfach die Finger von jeder Literatur. Danke.

Ich habe dann den idiotischen Text ignoriert und meiner Kleinen aus dem Gedächtnis das richtige Märchen erzählt, so wie es mir mein eigener Opa und meine Mutter erzählt haben. Und als ich mit verstellter krächzender Stimme "Knusper knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?" sagte, schmiegte sich meine Enkelin an mich und hatte ein bisschen Angst, aber am Ende, ganz am Ende, wenn durch Mut und Klugheit das Böse überwunden ist, wird ja alles gut. Alles wird wieder gut.

Ein Lügner glaubt keinem An dieses sehr tiefsinnige Sprichwort muss ich immer denken, wenn ich die Propaganda (in der Vor-Merkelzeit gab e...