Sunday, 3 July 2016

Gebranntes Kind scheut das Feuer

Sowohl im UK als auch auf dem Kontinent machen sich gefährliche Gedankenspiele breit: das Referendum habe nur beratenden Charakter, sei rechtlich nicht bindend, könne also eigentlich ignoriert werden. Ich sehe diese Entwicklung mit Unbehagen. Sicher ist das alles richtig, de jure war das Ganze eine Volksbefragung, das Ergebnis verpflichtet nicht. Dennoch muss es meines Erachtens nicht nur respektiert, sondern umgesetzt werden. 

Nur wenige Menschen besitzen eine hohe Abstraktionsfähigkeit. Diese Menschen können allein aus der Kenntnis von Daten und Zahlen ihr Handeln ableiten. Wenn sie sich zwischen A und B entscheiden müssen, rechnen sie die Optionen durch und entscheiden sich für die bessere. Alle anderen können nur lernen, wenn sie die Konsequenzen ihres Tuns erfahren. Sie benötigen diesen Umweg wie das Kind, das erst die Brandwunden erleiden muss, bevor es Feuer als Gefahr erkennt. Dabei hat man ihm vorher alles erklärt, die hohe Temperatur des Feuers, die Empfindlichkeit der Haut. Trotzdem - und es ist ausdrücklich von einem Kind die Rede - brauchte es zum Lernen die schmerzhafte körperliche Erfahrung. Nicht anders verhält es sich mit den rund 52% der Briten, die ihr Heil außerhalb der EU zu finden glauben. Man stelle sich vor, deren Entscheidung würde einfach ignoriert werden. Bei jeder kleinsten Krise, zu der es ja immer kommen kann, würden sie lauthals brüllen, dass nur die Mitgliedschaft in der EU jene verursacht hätte. Wir dürfen sicher sein, dass diese Briten die nächsten 1000 Jahre behaupten würden, das UK wäre längst wieder ein riesiges Empire, wenn nicht… 

Wie das gebrannte Kind können diese Menschen nicht durch Daten und Zahlen überzeugt werden. Sie müssen die Konsequenzen ihres Tuns erfahren, wobei jetzt nicht behauptet werden soll, dass diese Erfahrung unbedingt schmerzhaft sein muss. Wer weiß, vielleicht wird es auch eine angenehme sein, obwohl die Daten und Zahlen nicht unbedingt dafür sprechen. Der Punkt ist aber, dass sie nur auf diese Weise lernen können. Auch die Mehrzahl der Deutschen brauchte die zerbombten Städte, die gefallenen Ehemänner und Väter, um zu lernen. Das ist tragisch, ist aber wohl eine anthropologische Konstante, die jeder Politiker mit in die Rechnung nehmen muss. 


Deshalb plädiere ich ausdrücklich für den von der Mehrheit der britischen Wähler gewünschten Austritt aus der EU. Sollte sich dieser Schritt als sehr nachteilig oder sogar katastrophal erweisen, muss es Sache dieser Wähler sein, um eine erneute Mitgliedschaft anzusuchen. Dieser Weg wird dann schmerzhaft sein. So schmerzhaft wie Brandwunden und ihre Behandlung.  

Friday, 1 July 2016

Die Facebookisierung der Politik

Die Welt ist bipolar, geteilt in „Likes“ und „Dislikes“, in gehobene oder gesenkte Daumen. Und unernst. In allem regiert der Fun, der Dauerspaß. Das Ernste blitzt kurz auf, lästig, störend und wird durch ein niedliches Katzenbild sofort verdrängt, neutralisiert. 

Dürftige 36% der 18-24-jährigen Briten sind zur Wahlurne gegangen. Wahrscheinlich waren sie zu beschäftigt mit dem Verteilen von Herzchen und Däumchen und lustigen Kommentarchen und dem Hochladen von noch mehr niedlichen Katzenbildchen. Und jetzt jammern sie über ihre verkorkste Zukunft, verkorkst von jenen, die zwar blöde sind, aber anscheinend kein Facebookkonto haben und deshalb die paar Schritte zum Wahllokal gehen konnten. Hallo? Habt ihr gehört? Ihr wart nicht weniger blöde. Wo wart ihr? Es ging doch angeblich um eure Zukunft. Niedliche Katzenbilder laufen nicht weg. Oder doch? Facebook verlangt Dauerpräsenz. Nicht, dass John schneller als Mike das ultimative Fun-Video, also das, wo das drollige Kätzchen aufs Sofa hüpft und wieder runterfällt (1768 Likes!) hochlädt. Das wäre eine Katastrophe.  

Goethes Chorus Mysticus aus Faust II singt heute: Das Ewig-Infantile zieht uns hinan. 
Boris Johnson hatte seinen Fun :-). Jetzt nicht mehr so. :-(. Also will er kein PM mehr sein.  
Und bestimmt hatte er jede Menge „Likes“ auf Facebook kassiert. Kann man bestimmt noch sehen, irgendwo auf der Timeline zwischen dem Weltereignis „Susan feiert Party“ (1234 Likes, 700 Antworten) und dem wirklich unheimlich niedlichen Katzenbaby von Megan (1457 Likes, 1000 Kommentare). 

Die Kinder, von denen hier die Rede ist, sind zwischen 6 und 100 Jahre alt, denn wer sein Leben auf Facebook verbringt, altert nicht. Die Alters- oder gar Reifeunterschiede sind aufgehoben. Damit ist auch die Fähigkeit zu denken, das heißt, „das Ordnen des Tuns“ (Aebli) zu organisieren, abhanden gekommen. Politik, dieses „öffentliche Streiten über das richtige Leben“ (Sloterdijk), dieses Spannungsfeld zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren verträgt keine kindischen „Likes“ oder „Dislikes“. Politik heißt Suchen, ständiges Suchen nach dem besten aller Wege, die hier und jetzt beschritten werden können. Politik heißt auch immer Vorläufigkeit, was ein ständiges Weitersuchen impliziert. Der gehobene oder gesenkte Daumen steht am Ende eines Prozesses, dann, wenn eine Entscheidung fallen muss. Erst dann mündet der Prozess in ein einfaches Ja oder Nein. Erst dann. 


Diese Prozesse müssen von Erwachsenen geführt werden. Und das ist weniger eine Frage des Lebensalters. Es darf nicht sein, dass Infantile über die Zukunft eines ganzen Landes nach Facebookart entscheiden. Im „Handelsblatt“ ist heute von „Pervertierung des Begriffs Demokratie“ die Rede. Das ist richtig. Eine demokratische Entscheidung setzt einen gewissen Kenntnisstand, eine gewisse Reife der Entscheider voraus. Sonst wird sie zur Lotterie, kann zum Russisch Roulette werden. Paradox: dieselben Politiker, die „dem souveränen Volk“ möglichst jede Entscheidung überlassen wollen, bestehen ansonsten auf Gutachten und unzähligen Studien, bevor eine neue Margarine auf den Markt kommt. Und natürlich würden sie das souveräne Volk nicht über die Höhe ihrer eigenen Diäten abstimmen lassen.    

Thursday, 30 June 2016

Hurra, die Sündengeiß ist da

Man muss einen starken Magen haben, um die „Daily Mail“ zu lesen, aber nun, da muss ich durch, um mir ein Bild vom verzerrten Bild gewisser und leider zu vieler Briten zu machen. Es war mir klar, dass nun ganz dringend ein Sündenbock oder eine -geiß herhalten muss für die eigene Dummheit. Wir wissen ja, dass die Menschen sich über alles beschweren. Nur über den Mangel an eigener Intelligenz beschwert sich niemand. 

Der Allzweck-Bock Brüssel zieht nicht mehr, die hart arbeitenden und Steuern zahlenden Osteuropäer werden tatkräftig rausgeekelt, die UKIP-Oberspinner haben immer Recht, also was tun? Seit Tagen bin ich gespannt. Wen werden die britischen Blätter Daily Mail und The Sun zum Alleinschuldigen küren?

Nun ist es raus. Merkel ist an allem Schuld. Gleich in der Früh habe ich nochmal tief durchgeatmet und dann mutig die Daily Mail aufgeschlagen. Jetzt wissen wir Bescheid:


'Merkel's open door policy caused Britain to leave EU': German leader is blamed for Brexit over her failure to deal with migrant crisis and open arms immigration policy 


Passt doch. The Germans. Wer sonst? Die Lettern sind im Original noch etwas größer, damit auch wirklich jeder die ganze Wahrheit sofort sieht. Dass hier zwei Paar Schuhe angezogen werden, kümmert den Daily Mail-Leser nicht. Zunächst kann jedes Land seine Grenzen schließen, um eine unkontrollierte Einwanderung zu verhindern. Das haben nicht nur die Briten getan, die das nach dem Ausscheiden aus der EU allerdings ohne die tätige Mithilfe Frankreichs tun müssen, das machen auch andere EU-Länder inzwischen, und auch Deutschland wird irgendwann einsehen, dass ein Land vor illegalen Einwanderern geschützt werden muss. 

Nur hat das alles überhaupt nichts mit der Reise-Freizügigkeit zu tun, die von jedem Land gefordert wird, das Zugriff auf den EU-Binnenmarkt beansprucht. Werte Briten, fragt mal die Schweizer und Norweger, was die bezahlen müssen. Das ist mehr als eure 110 Millionen/Woche. Nochmal für  die vielen Rechenschwachen im Lande: rund £2.00/Woche musste jeder Brite bezahlen. Dafür gab’s den freien Handel. Aber nicht nur. Dafür bauten Firmen wie Nissan in Sunderland Produktionsstätten, und alle diese Firmen und ihre Mitarbeiter zahlten Steuern und konsumierten, vermehrten somit den Wohlstand. Um kurz bei Nissan in Sunderland zu verweilen. Der geneigte Daily Mail-Experte wird doch hoffentlich die Financial Times fleißig studiert haben? Sicher doch. Dann weiß er natürlich, dass 55% der dort produzierten Autos in die EU exportiert werden. Na, klingelt’s? Richtig, das Werk wird wahrscheinlich in den EU-Raum abwandern. Merkels Schuld. Zur Zeit wird Frankfurt geflutet von - nein, nicht von Osteuropäern, liebe Daily Mail-Leser - von Londonern, die schon jetzt vorbeugend Räumlichkeiten für ihre Banken anmieten. Lloyds Bank und Stanley Morgan machen schon mal den Anfang. Merkels Schuld. Aber das sind nur zwei von inzwischen 13 Großunternehmen, die das grandiose Empire verlassen möchten (Stand: Gestern Abend). Es ist nämlich so, werte Briten: während Politiker noch bei der Vorspeise sitzen und mit den anderen ach so wichtigen Tischgenossen plaudern, hat der Weltmarkt längst die Weichen gestellt, hat längst Tatsachen geschaffen.

So, und nun reißt euch zusammen und fasst euch bitte an die eigene Nase! Ihr habt gewählt. Ihr seid doch so unbändig stolz auf eure sagenhafte direkte Demokratie, auf eure Souveränität. Ihr steckt jetzt in einer Aporie fest: entweder das Volk ist wahlmündig und fähig, eine vernunftgelenkte Entscheidung zu treffen, dann habt ihr alles, was jetzt geschieht, gewollt. Oder ihr wusstet überhaupt nicht, worum es geht und wusstet daher auch nichts über die Konsequenzen eures Tuns, dann aber dürftet ihr gar nicht wählen. Sucht euch das Passende aus.    



Wednesday, 29 June 2016

Ein Denkfehler und seine Folgen

Das UK meint, es könne auch ohne die EU glänzend wirtschaften, weil es ja die fünft stärkste Wirtschaftsmacht sei. Das ist ein prägnantes Beispiel für einen schweren Denkfehler: ein Tatbestand, der immer nur eine Momentaufnahme ist und nur in einem Gesamtsystem Geltung hat, wird betrachtet wie ein isoliertes Ereignis, das es, ganz nebenbei, nirgends gibt. In der Naturwissenschaft werden bei jedem Experiment Anfangs- und Nebenbedingungen peinlichst berücksichtigt, um (Mess-)Fehler möglichst klein zu halten und damit eine Fehlinterpretation des Ergebnisses zu verhindern. 

Was in vitro, also unter Laborbedingungen, schon schwer ist, ist in vivo fast unmöglich. Wir können sagen, dass Anfangs- und Nebenbedingungen unüberschaubar, die möglichen Störungen unberechenbar sind. Ein Vergleich mit den Sport-Weltranglisten ist gar nicht so schlecht. So könnte etwa ein vierter Platz nur dann möglich sein, wenn der Weltranglisten-17te gegen den Weltranglisten-8ten am nächsten Dienstag gewinnt. Ein sehr hypothetisches Beispiel, das aber zeigt, dass das gesamte System stets beteiligt ist, dass es hier einen isolierten vierten Platz nicht gibt. Störungen können dieses Gefüge schnell durcheinanderbringen. Ein Spieler, eine Mannschaft hatte einen besonders schlechten, andere Spieler einen besonders guten Tag, und schon kann sich etwas ändern, ohne dass der Viertplatzierte sich verändert hätte. 

Binnen 48 Stunden nach dem Brexit haben der Weltmarkt und die Rating-Agenturen den Ist-Zustand des Landes verändert. Schon die Herabstufung der Bonität durch die Rating-Agenturen veränderte Anfang- und Nebenbedingungen. Wie der berühmte umgeworfene erste Dominostein die ganze Reihe zum Fallen bringt, können nun auch für das UK sich Konsequenzen aus diesen neuen Bewertungen ergeben. Eine schlechtere Bonität bedeutet, dass Geld schwerer zu bekommen und teurer ist. Das heißt, dass sich die Anfangsbedingungen für jeden großen Deal geändert haben. Einfach so, über Nacht sozusagen. Langsam setzt sich auch im UK diese Erkenntnis durch: stark war das Land nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Zu diesen gehörte eben die Mitgliedschaft in der EU. Die Kündigung dieser Mitgliedschaft kam dem Fallen des ersten Dominosteines gleich, und niemand kann vorhersehen, wie viele Steine nun fallen werden und wie schnell.

Besonders den Leserkommentaren in den einschlägigen Massenblättern wie Daily Mail oder The Sun kann man entnehmen, dass viele Briten aus der Unterschicht ein paradoxes Verhältnis zum Regiert-Werden haben. Um das zu verdeutlichen, greife ich mal auf die marxistische Terminologie zurück: sie lassen sich gerne ausbeuten und unterdrücken, wenn die Ausbeuter Briten sind. Sie pflegen eine paranoide Angst vor einem evozierten EU-Superstaat, der ihnen ihre „Souveränität“ nehmen könnte. Es geht also gar nicht um irgendeinen Sieg der Arbeiterklasse, um die Rückgewinnung der Kontrolle durch das Volk, ja um die Macht des Volkes. Nein, sie lassen sich gerne von allen Mächtigen herumschubsen, wenn die Mächtigen Briten sind. Das ist so kurios als wenn ein Sklave zufrieden ist mit seinem Los, aber nur, wenn sein Herr ein Schwarzafrikaner ist. Der kann noch so brutal und stinkreich sein, macht nichts, da blutet man doch gerne. Aber wehe, ein Weißer ist der neue Herr. Auch wenn der unter Umständen für bessere Arbeitsbedingungen und Lohn sorgt, nimmt er dem stolzen Sklaven seine „Souveränität“. Ohne eine Statistik vorlegen zu können, ist das der Tenor in den Leserkommentaren. Ich habe gewiss nicht alle gelesen, habe mich aber recht fleißig umgeschaut. Immer wieder tauchen Floskeln auf wie „von Merkel regieren lassen“, von den „undemokratischen Brüssel-Bürokraten bevormunden lassen“. Fremdbestimmung wird also nur wahrgenommen, wenn sie (geografisch) „von außen“ kommt (Europa war und ist für diese Briten immer das Außen). 


Wir können aber feststellen, dass diese einfältig verengte, vulgärnationalistische Sicht tatsächlich ein Unterschichten-Phänomen ist. Die gebildeteren Briten haben buchstäblich einen weiteren Horizont. So zeigen etwa die Leserkommentare des „The Guardian“ eine erfrischendere nüchterne Sicht. Zwar hagelt es auch hier - und zu Recht - viel Kritik am Apparat der EU, gleichzeitig wird gesehen, dass man unterm Strich innerhalb der EU besser dasteht. Und um mehr geht es doch gar nicht. Ich kann mich nur wiederholen. Es ging und geht nie um die Alternativen Paradies oder Elend, Himmel oder Hölle. Es geht um Vor- und Nachteile, es geht um die Bilanz. Und solange ein Volk das nicht versteht, sondern aus dem gefühlsduseligen Nationalbauch heraus über das Wohl und Wehe eines Landes und seiner Einwohner entscheiden darf, sind Zweifel an dieser Form von Demokratie (nach Aristoteles ist es eine abzulehnende Ochlokratie) berechtigt.    

Derselbe Denkfehler unterläuft aber auch denen, die jetzt die EU geißeln, weil sie eine schnelle Entscheidung und Abwicklung seitens des UK fordert. Da heißt es, das sei doch ganz alleine Sache des UK, und solange es keinen Antrag gestellt hat, gehe das die EU überhaupt nichts an. Auch hier wird eine Sache isoliert, die jedoch das Gesamtsystem beeinträchtigt. Nehmen wir an, ein wichtiger Arbeitnehmer, der eine Schlüsselstellung in der Firma hat, verkündet, in Kürze wahrscheinlich kündigen zu wollen. Nun, man könnte sagen, solange die Kündigung nicht eingereicht wurde, geht das den Arbeitgeber und die Kollegen nichts an. Aber ist das so? Der Arbeitgeber muss die Lücke füllen, einen geeigneten Ersatz finden, Arbeitsabläufe könnten gestört, Abmachungen vielleicht nicht eingehalten werden, Kunden könnten nicht termingerecht beliefert werden usw. Weil eben das Gesamtsystem Firma betroffen ist, wird der Arbeitgeber auf eine klare und schnelle Entscheidung des Arbeitnehmers drängen (müssen).      

Wenn der kleine Schwanz mit dem großen Hund wackelt

Eben beim Einkaufen aufgeschnappt und halblaut aufgelacht: The Times, riesige Überschrift mit Leitartikel. Noch-PM Cameron warnt die EU. Wenn Groß(?)britannien nicht Sonderrechte bzgl. Immigration von EU-Ausländern eingeräumt werden, wird - Himmel hilf! - GB keinen Handel mehr mit dem EU-Binnenmarkt treiben. Donnerwetter. Herr Cameron, sind Sie noch betrunken? Was glauben Sie wohl, was passiert, wenn Schottland in der EU bleibt oder nach der Abspaltung beitritt? Wo, glauben Sie, werden die EU-Autowerke (allein vier deutsche Autowerke!) u.a., die sich noch auf britischem Boden befinden, hinziehen? Und zwar ruckzuck? Und wo werden die EU-Banken, die sich noch in der City of London befinden, hinwandern? Ist nicht weit, Mr Cameron. Sie sollten wissen, dass Edinburgh der zweitgrößte Finanzplatz auf der Insel ist. Sie wissen doch hoffentlich, dass kein Großinvestor nach GB kam wegen der guten Küche (lach), sondern weil GB ein englisch sprechendes Eingangstor zum EU-Markt war. Das kann auch Schottland werden, werter Noch-PM. Und jetzt schlafen Sie erstmal Ihren Rausch aus.       

Saturday, 25 June 2016

Es gibt keine Buchhalter mehr

Brexit oder Nicht-Brexit, das war hier die Frage. Die Headlines greifen tief in die theologische Kiste: da wurde zwischen Himmel und Hölle, Paradies und Elend entschieden. Frau von Storch (AfD) „weint vor Freude“, und wir dürfen uns fragen, ob sie schon Opfer der von Schäuble befürchteten Inzucht geworden ist. Andere wähnen sich in Unabhängigkeit (wovon genau?), von Freiheit (wovon genau?) wird überall schwadroniert. Wo sind die Buchhalter geblieben? Sorgfältige Rechner, die auf der einen Seite das Haben, auf der anderen Seite das Soll eintragen, die Güterabwägung vornehmen können, die sehen, dass es für den Betrieb wenig förderlich ist, wenn auf der einen Seite Mehreinnahmen stehen, die von enormen Mehrausgaben aufgefressen werden, kurz: die wissen, was eine Bilanz ist. Und nüchtern sieht die Bilanz so aus, dass die Nachteile eines Austritts aus der EU die Vorteile klar überwiegen. Buchhalter hätten deshalb zum Wohle des Betriebes von einem Brexit abgeraten. 


Es gibt noch viel zu tun

Und nicht etwa, weil die EU vollkommen ist. Das ist sie ganz und gar nicht. Im Gegenteil, da müssen noch viele eiserne Besen durchs Gestrüpp fegen. Die EU muss den dort lebenden Menschen dienen. Es darf nicht sein, dass die Bürger nur knetbare Verfügungsmasse sind, die Brüssler Bürokraten und Großkonzerne alimentieren. Und genau diesen Eindruck haben viele Menschen und sind deshalb EU-müde.      

Die Gerontokratie hat entschieden

Die Alten wollten den Brexit. Das zeigen Wahlanalysen deutlich. Sie haben ihre state pension, ihre cup of tea, und der Katze geht’s auch gut (sehr zahlreiche Beweise dafür werden auf Facebook gezeigt…). Jetzt fehlt zu ihrem Glück nur noch das stolze Empire, das man gleich am Wochenende nach der Wahl wieder re-installieren kann, das goldene viktorianische Zeitalter, das nur durch die EU verhindert wurde. Sie stecken mental fest in einer vergangenen Zeit. Sie haben die Veränderungen, die sich in der hochvernetzten globalen (Wirtschafts-)Welt immer schneller vollzogen haben und vollziehen, ausgeblendet, weil sie diese komplexe Welt nicht mehr verstehen (wollen). Man kann das Realitätsverlust nennen. Viele junge Briten sind empört, dass die Alten in ihrem Gestern-Wahn die (berufliche) Zukunft der Jungen aufs Spiel gesetzt haben (siehe Link).

Die jüngeren und gebildeteren Briten haben mehrheitlich „remain“ gewählt, nicht nur, weil sie die Vorteile zu schätzen wissen, sondern diese Vorteile im alltäglichen Kampf um vor allem (hoch-)qualifizierte Arbeitsstellen dringend benötigten. Der junge Absolvent, der in England keine Stelle fand, konnte problemlos in einem anderen EU-Land anheuern. Und umgekehrt spülten gerade Studenten aus den EU-Ländern viel Geld in die Uni-Kassen (sie zahlten oft das Mehrfache an Studiengebühren). 
Die in englischen Schmierblättern wie der „Daily Mail“ oder „The SUN“ verunglimpften „osteuropäischen Arbeiter“ machen die knochenharten Jobs, die kein junger Brite machen möchte.  Vor allem Polen sind hier bei den Arbeitgebern hoch geschätzte fleißige und zuverlässige Arbeiter. Viele von ihnen werden jetzt vielleicht als Saisonarbeiter nach Deutschland gehen, was vor allem die Weinbauern freuen dürfte. 


Buchhalter hätten hier entscheiden sollen. Gefühlsduselige Ungebildete haben entschieden. Das ist das Problem.      

http://www.focus.de/politik/videos/wahlergebnisse-altersgefaelle-junge-briten-mehrheitlich-gegen-den-brexit_id_5667807.html

Ergänzung: richtig ist zwar, dass 75% der 19-24-Jährigen für einen Verbleib in der EU votiert haben, richtig ist aber auch, dass die Wahlbeteiligung bei den 18-24-Jährigen bei mageren 30% lag. Das ist in der Tat ein Armutszeugnis, und man darf hier diese Nicht-Wähler für das Wahlergebnis mitverantwortlich machen. Top-Manager Sorrell fordert deshalb die Einführung der Wahlpflicht:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/martin-sorrell-fordert-nach-brexit-referndum-wahlpflicht-14310102.html

Thursday, 23 June 2016

Thomas de Maizière (CDU) -wie konntest du…?

Dieser Mann hat doch tatsächlich gesagt, 70% aller männlichen Flüchtlinge unter 40 Jahren, die ausgewiesen werden sollen, ließen sich krankschreiben, um eben diese Ausweisung zu verhindern. Thomas, das war sehr töricht. Weißt du denn nicht, dass Katrin Göring-Eckardt sich auf diese Menschengeschenke gefreut hat und jetzt natürlich deine Absetzung verlangt? 


Außerdem wird Margot Käßmann tränenreich von ihrer Kanzel verkündigen, dass es die drohende Ausweisung ist, die traumatisierte Neubürger erkranken lässt. Nicht daran gedacht? Thomas, Thomas, das nächste Mal keine festen Prozentzahlen. Stell dir vor, so ein grüner Edelmensch kriegt heraus, dass es nur 68% sind. Was dann? Bleib wage und stramm gesinnungstreu. „Einige“, „ein (kleiner?)Teil der“, „genaue Zahlen sind natürlich nicht bekannt“ usw. Vergiss nie: eine 10%-Partei kontrolliert das Denken und Sprechen in Deutschland. Und die Gedankenpolizei ist inzwischen mindestens so effektiv wie Orwells. Da bleibt nur eines, Thomas: Bio kaufen, Bio denken, Bio sprechen und niemals, ich wiederhole, niemals ein Wort gegen die von allen deutschen Pastorinnen selig gesprochenen Einwanderer. Sonst bist du raus. Ganz schnell. Klar?    

Wednesday, 22 June 2016

So stelle ich mir eine kompetente Familienministerin vor

Frau Görner ist eine viel beschäftigte und sehr erfahrene Hebamme. Sie trifft Mütter und Väter aus allen sozialen Schichten, aus allen Milieus, sie erlebt tatsächlich hautnah, was los ist vor Ort, zu Hause, registriert Spannungen, Anspannungen, Verkrampfungen, sieht kalte und warmherzige Eltern, neurotische Übermuttis mit ihren Scheinproblemen und Luxuswehwehchen, kümmert sich um Eltern, die echte Probleme haben. Sie kennt buchstäblich den Beginn des Lebens und die Welt, in die das Baby entlassen wird. Frau Görner, wenn Sie irgendwann mal umsatteln wollen: Sie sähe ich gerne als Familienministerin! 



Ein Lügner glaubt keinem An dieses sehr tiefsinnige Sprichwort muss ich immer denken, wenn ich die Propaganda (in der Vor-Merkelzeit gab e...